Monika Prechel


Lara gab den Versuch auf, sich an dem Thema interessiert zu zeigen. Es hatte sie sowieso schier übermenschliche Kraft gekostet, so zu tun, als ob, während sie in Wahrheit fast platzte vor Ungeduld. Schließlich sprach Nils endlich wieder über das, was ihr am Herzen lag.
"Hör mal Lara, es liegt nicht an dir. Wir passen einfach nicht zusammen. Ich fand es anfangs ganz nett, dich zu vögeln. Aber dann habe ich gemerkt, dass da überhaupt nichts passiert zwischen uns."
Einen Moment lang war sie innerlich geradezu zusammengezuckt, weil Nils wieder diesen derben Ton am Leib hatte. Zugleich registrierte sie schmerzlich den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Von sich selbst erwartete sie, dass eine solche Ausdrucksweise sie abstieße. Trotzdem war es ihr vollkommen unmöglich, sich nicht machtvoll zu Nils hingezogen zu fühlen. Wieso war sie so verliebt in ihn? Er benahm sich unmöglich! Das war doch auch gar keine Erklärung! Es erklärte jedenfalls überhaupt nicht, wieso sie bis zuletzt eine so außerordentlich zärtlich-romantische Beziehung gehabt hatten. Hilflos versuchte Lara in Worte zu fassen, was ihr durch den Kopf ging:
"Aber wieso habe ich vorher überhaupt nichts gemerkt? Ich fand immer, wir hätten eine wunderbare Beziehung!"
"Tja, das ist dann allerdings etwas, das doch an dir liegt. Es ist dein Problem, wenn du nicht in der Lage bist, die Realität zu erkennen."
Lara hatte das Gefühl, ein Tornado brause durch ihren Körper. Einen Moment lang blieben ihr fast die Worte weg. Dann machte sie ihrer Empörung Luft:
"Das ist doch Unsinn, Nils! Du hast gesagt, du liebst mich! Du warst sehr zärtlich und liebevoll zu mir! Und wir haben ganz viele sehr schöne Stunden miteinander erlebt."
"Das ist doch subjektives Empfinden, Lara. Wenn die Stunden für dich schön waren, müssen sie es noch lange nicht auch für mich gewesen sein."
Lara hatte in dem selben Moment, in dem sie zu Ende gesprochen hatte, gewusst, dass es ein Fehler gewesen war, den letzten Satz noch anzufügen. Den hätte sie einfach weglassen sollen. Doch so leicht ließ sie sich nicht abspeisen.
"Lassen wir das mit dem gemeinsamen Empfinden mal weg, Nils. Du hast jawohl sehr wohl verstanden, was ich davor gesagt habe!"
Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte Nils etwas verunsichert. Aber nur für einen Sekundenbruchteil. Dann blickte er Lara plötzlich direkt in die Augen (Lara wurde von einer Art Stromschlag durchzuckt) und sagte mit ernster Stimme:
"Das stimmt Lara, das habe ich gesagt. Ich habe es deshalb gesagt, weil ich es selbst glauben wollte. Und kurze Zeit habe ich es auch geglaubt. Es tut mir leid, wenn ich dir damit falsche Hoffnungen gemacht habe. Ich wusste wirklich nicht, dass du die Sache so ernst nimmst."
"Verdammt noch mal, Nils, was redest du da? Du warst doch bis zur letzten Minute ganz lieb und zärtlich zu mir!"
"Aber von Liebe habe ich in der allerletzten Zeit nicht mehr gesprochen!"
Lara verstummte. Da war etwas dran. Ihr war das auch aufgefallen. Aber das war doch wohl der Lauf der Dinge. Sie hatte sich gesagt, dass es eben gelegentlich Phasen oder Stimmungen gab, in denen man so etwas ein bisschen weniger zueinander sagte und andere, in denen das häufiger vorkam. Das ganz normale Auf und Ab in der Liebe eben …
Nachdem sie einen Augenblick überlegt hatte, konnte sie ihre Gedanken in Worte fassen:
"Das mag sein. Aber das ist mir gar nicht so besonders negativ aufgefallen. Man muss sich ja nicht ständig mit Liebeserklärungen überschütten. Du hast mir trotzdem immer das Gefühl gegeben, mit mir glücklich zu sein."
"Ich bin halt ein netter Mensch. Aber - seien wir mal ehrlich - das beweist doch auch nur, wie wenig wir tatsächlich zusammengepasst haben, wenn du dich dabei ganz anders gefühlt hast, als ich."
Er verwendete ihre eigenen Argumente gegen sie! Lara verschlug es fast den Atem. Außerdem hasste sie es, wenn Leute sagten: "Seien wir mal ehrlich". Ihrer Ansicht nach war das fast immer der Auftakt zu einer sinnentleerten Plattitüde. Aber das sagte sie natürlich nicht. Eigentlich wusste sie gar nicht mehr, was sie sagen wollte, sagen konnte. Und das hier, das war alles so schrecklich falsch! Schon seit sie zu ihm an den Tisch getreten war, war ihr im Grunde genommen das Herz schwer geworden vor Hoffnungslosigkeit. Denn so war das nicht gedacht gewesen. Er hatte nicht die Trennung erklären sollen. Er hatte vielmehr bei ihrem Anblick spontan fühlen sollen, dass er sie doch immer noch liebte. Dass diese ganze Trennungssache ein riesiger hirnrissiger Irrtum war, für den er sich heftigst entschuldigen wolle, das hätte er ihr erklären sollen! Und schließlich ließ Lara den Gedanken, der schon die ganze Zeit im Hintergrund gelauert hatte, an die Oberfläche kommen: Es war völlig egal, was sie sagte. Es war überhaupt vollkommen egal, was irgendjemand in so einer Situation sagte. Verliebtheit konnte man nicht herbeireden. Das ging nicht. Niemals.